
Der Titel der Ausstellung ist eine direkte Ansprache: „Husker Du?“ – Weißt du noch? In Anlehnung an eine norwegische Fernsehshow fungiert der Titel als Leitmotiv von Georg Thanners erster Ausstellung im Paint Shop: nicht im Sinne einer nostalgischen Rückschau, sondern als Aufforderung zum Wiedererkennen. Georg Thanners Bilder lassen sich wie kurze, verdichtete Erzählungen lesen, die auf eine Pointe zusteuern – und sie im letzten Moment verweigern. Sie arbeiten mit Anspielungen, Wiedererkennungen und Verschiebungen, in denen gegenwärtige Erzählmuster auf historisch oder historisiert wirkende Motive treffen. Wer hier wem ähnelt, wer welches Gesicht wahrt oder verliert, bleibt bewusst offen. Die Bilder bewegen sich an der Oberfläche von Zeichen und Codes – und gerade darin liegt eine eigentümliche Tiefe. Die Ausstellung versammelt Arbeiten aus verschiedenen Phasen und liest sich wie eine bewusst nicht-hierarchische, augenzwinkernde Retrospektive. Alte und neue Werke stehen gleichberechtigt nebeneinander und machen sichtbar, wie sich Motive, Haltungen und formale Entscheidungen über Jahre hinweg wiederholen, verschieben und verdichten. „Husker Du?“ ist dabei weniger Rückblick als Selbstbefragung: eine Reflexion darüber, wie Bilder Bedeutung erzeugen, festhalten und weitertragen. Statt eines geschlossenen Narratives entfaltet sich die Ausstellung als offenes Gefüge einzelner Arbeiten, die sich gegenseitig kommentieren, widersprechen und im Gedächtnis fortsetzen. Thanners Bilder erklären nicht – sie bleiben präsent. Da wäre zum Beispiel die Arbeit „Die Kritikerin und die Kuratorin“: Zwei Frauen, deren Gesichter ineinander übergehen, wirken gleichzeitig präsent und verborgen. Die vordere Figur, mit perückenartiger Föhnfrisur, großem Ohr und ausdrucksstarkem Kehlkopf, trägt eine spürbare Stimme – ohne dass diese durch ihren winzigen Mund entweicht. Die zweite, weniger definierte Figur bildet den Hintergrund, der der ersten erst ihre Kontur und Präsenz ermöglicht. Hier treffen Macht, Abhängigkeit und Rollenbilder aufeinander: Die Kuratorin sehnt sich nach positiver Kritik, während die Kritikerin ihre Position im Kunstbetrieb bestätigt und zugleich hinterfragt. Die Bildkomposition vermittelt subtil Humor, Tragik und Ambivalenz und zeigt, wie Thanner in einem einzigen Bild mehrere Geschichten nebeneinander erzählt, die sich gegenseitig konterkarieren und doch miteinander resonieren. So formal wiedererkennbar, wie Georg Thanners Bilder sind, so eklektisch sind sie inhaltlich. Vielleicht möchte man sie deshalb weder „Zeichnungen“ noch „Malereien“ nennen – sondern einfach: Bilder. „Husker Du?“ macht keine konzeptuelle Geste, sondern versammelt Werke, deren Geschichten sich erst beim genauen Hinschauen entfalten. Sie fordern die Betrachtenden auf, sich zu erinnern, ohne klar vorzuschreiben, an was. Thanner überlässt die Interpretation, die Verknüpfung von Bedeutung und Erinnerung, ganz dem Blick des Publikums – ein heiteres, angenehm ratloses Innehalten inmitten unserer gegenwärtigen, überladenen Bilderwelt.

